17/02/2015

Hiphop.de Interview zu Schneckenhauseffekt

Aimo

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Aimo Brookmann zählt seit nunmehr zehn Jahren zum festen Inventar der hiesigen Deutschrap-Landschaft, ohne dass ihm dabei der große Durchbruch gelungen war. In den letzten Jahren war es dann still um ihn. Er hatte sich aus Enttäuschung über den anhaltenden Misserfolg an einen Ort „tiefster Schwärze“ und „Depression“ zurückgezogen, wie er selbst sagt, um sich nun mit seinem kommenden AlbumSchneckenhauseffekt aus diesem zu befreien. Ich habe mit ihm über diese Phase seines Lebens, sein kommendes Album und seinen Kontakt zu Bushido gesprochen und bei dieser Gelegenheit einen tiefen Einblick in das Seelenleben eines beeindruckenden Künstlers gewonnen.

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Dein vor kurzem erschienenes Album Schneckenhauseffekt erzählt die Geschichte eines fast dreijährigen Fluchtversuchs und damit einhergehender musikalischer Isolation. Vor was genau bist du denn all die Jahre weggelaufen?

Ich finde, das ist ein interessanter Blickwinkel, den du da aufwirfst. Ich bin weniger vor etwas weggelaufen, das man konkret benennen kann. Vielmehr habe ich mich musikalisch zurückgezogen und mich dann viel mit mir selbst und meiner Herangehensweise beschäftigt. Das hat dann dazu geführt, dass ich extrem wenig Musik gemacht und mich in eine Art Schneckenhaus zurückgezogen habe. Der Ausbruch aus diesem Zustand wird nun von mir auf dem Album thematisiert. Weggelaufen bin ich nicht.

Dennoch berichtest du auf dem Album davon, dich vor Resonanz versteckt zu haben. Ebenso schimmert durch, dass du aus Enttäuschung über eine Szene dich vor dieser verschanzt hast.

Ja, das ist auf jeden Fall ein wichtiges Thema. Schau mal, ich hab seit 2004 im Jahresrhythmus Alben veröffentlicht und nebenbei extrem viel gemacht. Mixtapes, Features und all diese Dinge eben. Ich hatte aber nie diesen krassen Hype oder Erfolg. Ich hatte zwar immer meine Fans und das ist auch immer ein wenig gewachsen, aber der Durchbruch kam eben nicht. Ich habe immer alles alleine gemacht, nichts abgegeben und das ist eben etwas, das ich überhaupt nicht gut kann. Texte schreiben und Musik machen kann ich, aber dann damit zu Leuten gehen und denen sagen, sie sollen sich das anhören, kann ich nicht. Ich bin eher ein zurückhaltender und bescheidener Mensch. Wenn wir beide uns auf der Straße treffen würden, würde ich dir gar nicht erzählen, dass ich Musik mache. Deshalb war es schwer, das Ganze an den Mann zu bringen. Und wenn du für die immense Energie, die du in die Musik steckst, einfach nie etwas zurückbekommst, dann machst du dir natürlich Gedanken. Dann kommen eben Sachen wie Selbstzweifel und du stellst alles in Frage. Das Feedback ist trotz meiner jahrelangen Abstinenz immer noch super und ich bekomme tolle Nachrichten von Menschen, denen meine Musik hilft oder sie in ihrem Leben begleitet. Das ist dann etwas, das einem einen neuen Antrieb gibt und mir hilft, das einfach weiterzumachen.

Welche Lehren hast du aus dem geschilderten Misserfolg für dein kommendes Album gezogen?

Eine Lehre kann man aus einem solchen Prozess nicht ziehen. Du kannst natürlich mit dir selbst ins Gericht gehen und dir intensiv Gedanken machen. Dabei herausgekommen ist ein sehr reifes und erwachsenes Album.  Ich muss mit dem Album nicht unbedingt Geld verdienen, sondern kann einfach die Musik machen, die ich machen möchte. Deshalb kann ich seit Tag eins hinter jedem einzelnen Song stehen. Marketingtechnisch stehe ich im Endeffekt wieder alleine da. Ich hab zwar mit Sureshot eine Promotion-Agentur, die dich ja auch kontaktiert hat, aber am Ende des Tages gibt es kein Label oder jemand, der da Geld investiert hat. Das ist natürlich ein extrem ermüdender Prozess. Die Lehre, die ich deshalb gezogen habe, ist, dass ich auf keinen Fall weiter im Jahresrhythmus Alben releasen werde. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob ich überhaupt nochmal ein Album machen werde. Ich werde weiter Songs schreiben, aber alles, was da für Arbeit an diesem Album hängt, seien es die sieben Musikvideos oder andere Dinge, kostet natürlich einiges und ich mache eben andere Dinge, bei denen ich auch finanziell deutlich mehr zurückbekomme. Ich mach das sehr gerne und mit Herz, aber ob ein weiteres Album kommt, kann ich dir gerade nicht sagen.

Das klingt resigniert.

Resigniert nicht wirklich, da ich Musik immer für mich gemacht habe. Das Feedback, das ich zurückbekomme, ist es auch auf jeden Fall wert, weiter Musik zu veröffentlichen. Resigniert bin ich lediglich ein Stück weit, da ich zehn Jahre lang in die Musik gesteckt habe und weiß, dass wenn ich diese Zeit in etwas anderes gesteckt hätte, ich deutlich mehr zurückbekommen hätte. Ich mach‘ ja auch noch andere Sachen neben der Musik und sehe dort, wie viel Energie zu wie viel Geld führen kann. Ich muss lernen, das zu entkoppeln. Ich darf meine anderen Projekte nicht mit der Musik vergleichen, sonst würde ich auf jeden Fall mentale Krisen bekommen und resignieren. Da hast du auf jeden Fall Recht. Da ich Musik liebe, bin ich das allerdings noch nicht. Man muss lediglich schauen, in welchem Maße man diese dann noch weitermachen kann.

Welche Projekte sind es denn, denen du neben der Musik nachgehst.

Ich habe ein Unternehmen gegründet und ein Youtube-Netzwerk aufgezogen. Hier betreue ich Youtube-Channels von Musikern, aber auch ganz andere Sachen.

Kam so auch der Kontakt zu Bushido zustande? Er erzählte, er habe dir den Kay One-Diss noch vor Veröffentlichung gezeigt.

Ja, genau. Ich betreue auch den Bushido-Channel und habe dadurch auch ein wenig mit ihm zu tun. Ich war dann zufällig im Studio, als er den Song fertig gemacht hat und war dann auch einer der ersten, der den Song gehört hat. Das ist einfach ein krasser Song und das habe ich ihm auch gesagt. Freut mich, dass ihm das etwas bedeutet hat.

Was genau sind deine Aufgaben in Bezug auf Bushidos Channel?

Wir kümmern uns darum, dass die Videos optimal performen und dass die Reichweite optimal genutzt wird. Ich mache das jetzt seit über einem Jahr. Eingestiegen bin ich bei ca. 220.000 Abonnenten und aktuell sind wir bei ca. 970.000 und Bushido wird jetzt hoffentlich mit Carlo Cokxxx Nutten 3 als erster deutscher Rapper die Eine-Millionen Abonnenten-Marke knacken, was sehr cool ist. Das Wachstum hängt natürlich immer mit mehreren Faktoren zusammen wie zum Beispiel dem Hype um den Kenneth-Song, aber natürlich hat auch unsere Arbeit dazu beigetragen und das freut mich sehr.

Wie nimmst du denn die Kontroversen um ihn derzeit war? Stichwort Paris-Foto.

Ach man, die sollen sich einfach alle mal grade machen. Er hatte einen Nike-Pullover an, auf dem Paris steht und ich glaube nicht, dass da Kalkül dahinter war. Es passieren so viele andere Sachen und die Medien hängen sich an seinem Pullover auf. Friedrich(Prinz Pi, Anmerkung der Redaktion) hatte am selben Tag den identischen Pulli an und bei ihm wurde nicht so Welle gemacht. Die Medien schauen ganz genau, was sie falsch interpretieren können.

Lass uns zurück zu deinem Album kommen. Auf dem sprichst du euphorisch davon, nicht mehr auf Beats zu rappen, sondern Musik zu machen. Kannst du mir den Unterschied erklären?

(lacht) Den Unterschied wirst du ja vielleicht gehört haben. Das Album ist auf jeden Fall musikalischer als alles, was ich bisher gemacht habe. Es sind keine typischen Hiphop-Beats. Vor diesem Album hatte ich einfach das Gefühl, dass ich musikalisch auf der Stelle getreten bin und keine wirklichen Fortschritte gemacht habe. Irgendwas musste passieren, sonst wäre es einfach nicht weitergegangen. Ich brauchte einfach neuen Input und der kam dann in Form der Musik von Timo Krämer. Ich bin da aber zu tief drin, um das objektiv bewerten zu können. Vielleicht hört sich das jemand von außen an und sagt, dass sei ganz normaler Hiphop. Für mich ist das Ganze sehr musikalisch und vielseitig geworden.

Entziehst du mit solchen Aussagen nicht Rap das Prädikat Musik?

So ist das auf keinen Fall gemeint! Rap befand sich bei mir persönlich in einer Art Stillstand und der musikalische Einfluss, den Timo da reingebracht hat, konnte das eben aufbrechen. Ich wollte auf keinen Fall Rap abwerten.

Was ist Schneckenhauseffekt jetzt letztlich für ein Album geworden?

Jeder Rapper sagt immer, sein neustes Album sei das Beste. Vermutlich ist das auch immer so. Schneckenhauseffekt ist auf jeden Fall mein bestes Album. Es ist sehr persönliche, emotionale und ehrliche Musik. Ich habe einen sehr düsteren Eindruck von dem Album, aber Leute, denen ich das gezeigt habe, fanden das dann gar nicht so düster. Ich kann Musik sehr gut machen, aber sie zu beschreiben fällt mir immer schwer. Ich mag das Album einfach sehr.

Dennoch wirktest du zu Beginn des Interviews sehr pessimistisch.

Ja, natürlich bin ich pessimistisch angehaucht. Für diese Euphorie und Gedanken, dass ich mit diesem Album alles reißen kann, mache ich das einfach schon zu lange. Ich bin daher sehr realistisch. Ich sehe ja auch, wie die Promophase bisher läuft und dass da sehr viel mehr möglich wäre. Daher bin ich gesund pessimistisch und habe mir für dieses Album keinerlei Ziele gesetzt. Dafür weiß ich einfach zu gut, wie unrealistisch gewisse Dinge sind. Ich würde mich freuen, wenn die Leute sich das einfach mal unvoreingenommen anhören, sich dieser Musik öffnen und sie einfach mal auf sich wirken lassen. Den Leuten kann ich versprechen, dass sie das Album berühren wird. Ich muss, wie gesagt, kein Geld mit dem Album verdienen. Bin allerdings sicher, dass wir damit nicht charten werden. Dennoch haben wir ein bisschen was verkauft. Es wird niemals die Summe recoopen, die da dahintersteckt.

Könnte dich erneuter Misserfolg zurück in ein Schneckenhaus treiben?

Dafür bin ich mittlerweile zu gefestigt und alles, was Negatives passieren könnte, ist bereits passiert. Das war ein Prozess, durch den ich gehen musste. Ich habe bestimmte Dinge verarbeitet und so schnell kann mich nichts mehr erschüttern. Das Schneckenhaus musst du dir als Ort des kompletten Stillstandes, tiefster Schwärze, Resignation und Depression vorstellen und da will man ja auf keinen Fall hin zurückgetrieben werden.

Foto: Youtube
Interview: Marc Schleichert