17/02/2015

Schneckenhauseffekt Review von Laut.de

Aimo

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Das Ende des Einsiedlerkrebs-Daseins.

Review von

Traurige Klavierweisen. Selbstfindungs-Lyrik. Plakativ vor sich her getragene Abkehr vom Rap – und dann doch wieder nicht. „Musik Statt Beats“ (Was, um Himmels Willen, soll das denn für eine Alternative sein?) Ein Gunter Gabriel-Feature? Oh, bitte! Und in der Danksagung dann noch Paulo Coelho zitiert, ausgerechnet diesen ollen Esoterikschwafler …

Schneckenhauseffekt“ liefert die Gründe, warum man mich mit dieser Platte dreimal um den Block und dann auf und davon jagen könnte, meinetwegen „Himmelsrichtung Westen“, Hauptsache ganz weit weg, mindestens halbdutzendweise. Zudem befleißigt sich Taichi, der inzwischen noch nicht einmal mehr so heißen mag, eines über weite Strecken doch recht monotonen Vortrags. Könnte schwierig werden, mit uns.

Ach, Unsinn. Es ist überhaupt nicht schwierig. Aimo Brookmann, der Mann, der in einem früheren Leben Taichi war, gibt sich zwar alle Mühe, mir den Zugang zu seinem Schneckenhaus so holprig, steinig und beschwerlich wie nur irgend möglich zu gestalten – und er erwischt mich doch. Sieh‘ an.

Mein Herz schlägt, aber nicht mehr für dich.“ Was wie die Abrechnung mit einer verflossenen Liebe anhebt, entpuppt sich auch als genau das. Nur, dass die ehemalige Flamme nicht aus Fleisch und Blut besteht, sondern aus Beats und Reimen: „Du bist Rap, und ich war Rapper.“ Keine ganz neue Idee. Die Intensität, mit der Brookmann einen in seinen Strudel der Gefühle hinein- und mit sich hinabreißt, macht das nicht gerade wenig benutzte Motiv mehr als wett.

Antirapper“ entpuppt sich als der bestmögliche Eröffnungstrack, nimmt er das große Thema der Platte doch bereits, kompakt auf zweieinhalb Minuten eingedampft, vorweg. „Schneckenhauseffekt“ behandelt den Übergang von einer Lebensphase in die nächste, das (fast immer) schmerzhafte Ende, das zugleich doch stets schon den Anfang von etwas Neuem in sich trägt. Klingt nach scheußlich ausgenudelter Poesiealbums-Binsenweisheit, stimmt aber trotzdem, wie eigentlich jeder weiß, der im ewigen Reigen von Leid, Zorn, Resignation und Heilung seiner Zukunft entgegen tanzt.

Ganz ähnlich, wie Maxim mit „Staub“ bringt Aimo Brookmanns „Schneckenhauseffekt“ eine (wenn auch anders gestimmte) Saite zum Schwingen. Während ersterer den Fokus mehr auf den Augenblick legt, geht es bei Brookmann zu jeder Zeit um das Gesamtbild, um Zusammenhänge und Entwicklungen, aber auch um die haarfeinen, zuweilen trügerisch verschwimmenden Grenzen, die Dunkel von Schwärze, Alleinsein von Einsamkeit, Stille von Sprachlosigkeit scheiden.

Ein Paradebeispiel dafür („Schneckenhauseffekt“ birgt derer gleich mehrere) liefert „Zieh Mich Zurück„. Brookmann beschreibt meisterhaft eindringlich, wie unmerklich und zugleich rasend schnell wohltuender Rückzug in Isolation kippen kann, wie dringend nötige Atempausen in einem Ersticken im Würgegriff der Lethargie münden. Die Gefahr, sich über allzu ausgiebigen Auf-sich-selbst-Besinnen aus dem Blick zu verlieren, abzudriften und den Kontakt zur Realität abreißen zu lassen grinst dreckig aus jeder Zeile. Welche Anstrengung es kostet, sich den Weg aus dem Schneckenhaus zurück ans Licht freizukämpfen, tönt aus jeder einzelnen Note.

Für die musikalische Umsetzung zeichnet Timo Krämer verantwortlich, der mir zuletzt im Zusammenhang mit VegasNero“ untergekommen ist. Er verquickt sachte Klavierklänge, Gitarren und Streicher zu reduzierten Arrangements. Gelegentlich kommt mir das zu glatt vor. Die akustischen Gitarren klingen zu oft nach „Hotel California“, die elektrischen zu stark nach einer Light-Version von Rammstein.

Handwerklich erscheinen die Produktionen trotzdem ohne Fehl und Tadel, und die Stimmung, für die sie geschaffen wurden, fangen sie jeweils perfekt ein. Das schlichte Schritt-für-Schritt-Gefühl in „Der Weg“ etwa, oder die kristallklare Eiseskälte, die einen „Wintertag“ kennzeichnet. Fast beschwingt wirkt das Klavier in „Eindrücke„, in dem Brookmann anhand der Momentaufnahmen vorbeiflanierender Passanten deren Geschichten nachspürt.

Aus „Himmelsrichtung Westen“ tönen Sehnsucht, Fernweh und die Cowboyträume kleiner und nicht mehr ganz so kleiner Jungs. Gunter Gabriel passt – ich nehme jeden diesbezüglichen Vorbehalt zurück! – wie die Faust aufs Auge in den Refrain: Niemand kann von aufgegebenen, oder doch zumindest auf die sehr, sehr lange Bank geschobenen Wunschvorstellungen versierter erzählen als ein abgehalfterter Country-Barde. Wunderbar. (Coelho bleibt hingegen schauderhaft. Den Text für „Ich Danke Allen“ hätte Brookmann, vermutlich ohnehin der bessere Lyriker, alleine deutlich weniger schablonenstarr hinbekommen.)

Musik Statt Beats“ halte ich immer noch für eine dämliche Gegenüberstellung. Als ob Beats keine Musik wären … Trotzdem: Der Ausbruch aus Schneckenhäusern, Schubladen und festgefahrenen Denkmustern, den Aimo Brookmann hier zum Thema macht, ist eine gute Sache. Für alle Beteiligten: „Ich kann diese Lieder fühlen.“ Genau deswegen geht es dem Publikum, das diesem Schlupf aus einem selbst gesponnenen Kokon beiwohnen darf, kein Stück anders.