17/02/2015

Schneckenhauseffekt Review von rappers.in

Aimo

No Comments

Hier gehts zur Review

Gute sechs Jahre ist es nun her, dass der Berliner Taichi sein letztes Soloalbum veröffentlichte. Die anschließende Zeit war geprägt durch seine Distanzierung von der deutschen HipHop-Szene. Taichi nannte sich den Antirapper, zog sich zurück, um sich selbst zu finden und mit den Selbstzweifeln der letzten Jahre aufzuräumen. Nach einer Pilgerung auf dem Jakobsweg und der EP-Triologie „Verblendung“, „Verdammnis“ und „Vergebung“, die einen Wendepunkt seiner musikalischen Karriere markierte, startet der Berliner nun unter seinem bürgerlichen Namen Aimo Brookmann einen Neubeginn. Unterstützt von Produzent Timo Krämer, der unter anderem schon mit Rappern wie Vega zusammengearbeitet hat, sollen Aimo nun bewusst reduziert gehaltene Instrumentalarrangements statt typischen HipHop-Beats auf „Schneckenhauseffekt“ den Weg aus Stillstand und Isolation weisen, heraus aus seinem persönlichen Schneckenhaus. Nun gilt es herauszufinden, wie ihm seine musikalische Befreiung gelungen ist.

Der Einstieg in die Platte beginnt mit ruhigen Pianotönen, neben die jedoch schnell harte Gitarrenriffs und Drums treten, während Aimo auf „Antirapper“ sein Verhältnis zu HipHop schildert: die Kraft und Liebe, die er gab und die Probleme, die er mit Raps‘ „komischen Freunden“ hatte. Schließlich musste der Rapper – wenn ich ihn überhaupt noch so nennen darf – Rapmusik überwinden, um seine eigene Musik zu gestalten. Ein lautstark ausgerufenes „Reset“ unterstreicht seinen Neubeginn. „Der Weg“ handelt vom Weg, der das Ziel und gleichzeitig Aimo selbst ist und erinnert an dessen Erfahrungen auf dem Jakobsweg. Der Titeltrack beschreibt dann, was Aimo Brookmann veranlasst hat, sich in den letzten Jahren zurückzuziehen. Zwar engte ihn der „Schneckenhauseffekt“ ein, isolierte ihn, doch beschützte ihn auch und hielt ihn sicher vor Gefahren. Die gesungene Hook mit weiblichem Gesangssample geht gut ins Ohr und macht den Song zu einem kleinen Hit. Auf den Anspielstationen „Schon okay“ und „Nochmal reden“ spielt Aimo die Stärken aus, die man auch bereits von Taichi gekannt hat. Zu simpler Pianobegleitung entfaltet der Rapper seinen druckvollen und emotionalen Flow und behandelt voller Wehmut und Melancholie vergangene oder nie wirklich begonnene Beziehungen.

„Alle Schmetterlinge weg, das ist der Schneckenhauseffekt/
Denn ich hab mich versteckt, bis der perfekte Traum mich weckt/
Und mein Schneckenhaus zerbrech‘ ich nicht selbst/
Denn ohne mein Schutzschild verletzt mich die Welt/“
(Aimo Brookmann auf „Schneckenhauseffekt“)

„Halt mich“ ist Zeugnis davon, dass Aimo Brookmanns Rückzug in sein Schneckenhaus schließlich zu neuem Mut, Selbstzufriedenheit und Dankbarkeit geführt hat, wobei das simple Instrumental des Songs diese neue Ausgeglichenheit unterstreicht. Der einzige Feature-Gast der Platte, Countrysänger Gunter Gabriel, begleitet Aimo mit seiner tiefen Stimme auf „Himmelsrichtung Westen“, worauf der Berliner über seinen Kindheitstraum, ein Cowboy zu sein, „mit Lasso am Sattel, die Winchester geladen“, rappt, an dem er noch immer standhaft festhält. Zur Mitte des Albums werden dann traurigere Töne angeschlagen. Auf „Wintertag“ schildert Aimo seinen inneren Winter, seine Sehnsucht nach dem Frühling, der Sonne und Freiheit, während „Zieh mich zurück“ noch tiefer in schwarze Depression abtaucht. Düstere Gitarren, Growling und tiefer Gesang bilden die Hook, in den Parts rappt Aimo designiert und langsam durch einen Nebel aus leiser instrumentaler Untermalung hindurch. Hier versetzt der Antirapper sich an den Anfang seiner Schneckenhauszeit, den Beginn seines Rückzugs, zurück. Auch „Angst“ schlägt noch einmal in dieselbe Kerbe. Mit gehetztem Flow jagt Aimo über hölzerne Beats hinweg, schildert seine Angst vor dem Draußen, vor den Menschen und persönlichen Entscheidungen.

„Bin gefangen und will den Frühling wieder fühlen/
Wann wird die Welt erwachen und es für mich wieder grün?/
Leise rieselt der Schnee/
Doch ich leide, will ihn nie wieder sehen/“
(Aimo Brookmann auf „Wintertag“)

Das Ende der Platte spricht noch einmal verschiedene Themen an, die jedoch keinesfalls aus dem Rahmen fallen, sondern vielmehr das Bild des nachdenklichen, sympathischen Menschen Aimo Brookmann mit einem Hang zu Melancholie komplettieren. Der Rapper führt den Hörer durch die Szenerie Berlins und schildert seine „Eindrücke“ der Menschen, die ihren Alltag bestreiten, hoffen, bangen oder sich freuen. Auf „Katastrophe Notwehr“ geht er seinen Gedanken über unseren schönen Planeten nach, den der Mensch als Parasit ausbeutet, sodass die Katastrophe, welche ihren musikalischen Ausdruck in wilden Drums und E-Gitarren am Ende des Songs findet, kaum noch abwendbar scheint. Weiter geht es mit „Geburtstag“, der Hin- und Hergerissenheit „zwischen Selbstverwirklichung und Kinderwunsch“. Dieser sehr persönliche Track richtet sich an sein nur geträumtes, noch nicht geborenes Kind, dem Aimo Brookmann jedoch schon einen künftigen Platz an seiner Seite verspricht. „Musik statt Beats“ knüpft wieder an das Intro an und handelt anfangs von Aimos festgefahrener Rapkarriere, dann aber von seiner Befreiung mittels seines neuen musikalischen Konzepts. Programmatisch begleiten ihn dazu prägnante Live-Instrumente sowie ein Sänger in der Hook. Das Outro „Ich danke Allen“ zeigt uns dann den gewohnt trotzigen Antirapper, der seinen Feinden dankt, dass diese ihn nur noch umso stärker gemacht haben.

„Hab den Glauben fast verloren und den Blues nicht mehr gespürt/
Die Glut war wie verglüht und mein Blut wie abgeschnürt/
Hasste Rap, wollte zum Antirapper werden/
Bis Musik mich wachgeküsst hat und ich danke ihr von Herzen/“
(Aimo Brookmann auf „Musik Statt Beats“)

Fazit:
„Schneckenhauseffekt“ räumt mit den letzten Jahren des Berliner Rappers auf, bricht das Schneckenhaus, seinen Rückzugsort, in dem er sich lange versteckt hielt, auf und präsentiert uns den neuen Musiker Aimo Brookmann. Reifer und gefestigter kehrt er zurück und schlägt mit Instrumenten an Stelle plastischer Beats neue musikalische Wege ein. Das Album reicht vom Beginn seiner Selbstfindungszeit bis zu deren Ende und bewegt sich thematisch in gewohnten Gefilden, von Ängsten, Problemen sowie Mut zu neuen Wegen bis zu vermeintlich kleineren, persönlichen Problemen. Es ist emotional, ohne kitschig zu klingen, ehrlich, authentisch und vermag, den Hörer direkt abzuholen. Aimo scheint endlich angekommen, doch, gerade erst „wachgeküsst“ durch die Musik, noch lange nicht gesättigt zu sein. Mal sehen, was er noch alles aus seinem neu gewonnenen Enthusiasmus herausholt, denn – wie angekündigt – sein „letztes Release ist noch ein paar Dekaden hin“.